"Erst im Wald kam alles zur Ruhe in mir, meine Seele wurde ausgeglichen und voller Macht."

Knut Hamsun, norwegischer Schriftsteller, Pan

Der Wald und wir

 

Der Wald und Wir, fast hätte ich das Wir zu einem wir Deutschen verdichtet. Sag man uns Deutschen doch eine gewisse Waldbesessenheit nach. Der deutsche Wald  ist nicht nur ein Baumbestand, sondern eine Metapher für die Sehnsucht der deutschen Seele nach einen Topos für nationale Identität und Romantik.

 

Um 1800 begann die Beschwörung des Waldes in Dichtung, Malerei und Musik der deutschen Romantik Fuß zu fassen. Die Hermanns-Schlacht im Teutoburger Wald wurde mystifiziert zum wehrhaften Sinnbild gegenüber napoleonischer Hegemonie.  Die deutsche Eiche galt alsbald als ein Symbol für deutschen Heldenmut und Stärke. Begann die Verklärung des Waldes zu Beginn des 19. Jahrhunderts auch als ein Gegenentwurf  zum urbanen Lebens, ironischerweise von Städtern initiiert, breite sich dieses Gedankengut über alle soziale Klassengrenzen und Generationen hinweg bis heute aus. Aus dem Wald wurde das Kulturgut Wald. Wir Deutschen lieben den Wald, von klein auf. 

 

Eine Liebe, die häufig wirtschaftlichen Interessen weichen musste. Mein Freund der Baum fiel und fällt heute noch im städtischen Bereich gerne der Planung zum Opfer. Ein Fürsprecher fanden die entrechteten Bäume in Joseph Beuys, der mit seinem Kunstprojekt 7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung , bei der documenta 1982, mit der er nicht ins Fettnäpfchen trat, sondern ins Volle des Zeitgeistes traf. Erst 1987 waren alle Bäume gepflanzt und das Projekt abgeschlossen. Die Natur ins urbane Leben zurückzubringen ist heute eher ein muss, als ein soll einer Stadtplanung.

 

Wie wichtig uns Deutschen der Wald ist, erkennen wir bei Diskussionen um Umwelt- und Naturschutz und der wachsenden Begeisterung für Waldfriedhöfe und Baumbestattungen. Und in Waldkindergärten und Waldschulen ist der Wald zum pädagogischem Medium geworden. Der Wald erscheint uns als Synonym für Natur. Glücklicherweise ist die Liebe zum Wald nicht aufs Deutsche Gemüt beschränkt.  Auch in andere Kulturen hat und hatte der Wald etwas Kultiges zu bieten.

 

Wann mein persönliches Wald-Bewusstsein erwachte, vermag ich nicht zu sagen. Vielleicht durch den Film "Lautlos im Weltraum" (Originaltitel "Silent Running") einen dystopischen Science-Fiction-Film, in dem vier Raumschiffe mit riesigen Glaskuppeln, die die letzten Wälder der Erde beherbergen, durch das All treiben. Sie bilden ein Arche-Noah-Projekt für die Pflanzenwelt, denn die Natur auf der Erde ist längst zerstört worden. Der Film gilt mit seiner zeitlos ökologischen Botschaft, als ein Mahnmal für den Erhalt der Natur. Hatte ich diese Botschaft damals vernommen oder erst die spätere medial verbreitete Hiobsbotschaft?

 

Der Wald stirbt!

 

Anfang der 80er wurde unser kollektives deutsches Gemüt durch diese Botschaft stark erschüttert. Der Übeltäter: "saurer Regen". Die Folge: Ein besorgtes Umweltbewusstsein keimte auf und ermöglichte den Grünen, 1983 erstmals in den Bundestag einzuziehen. Die Sorge um den deutschen Wald wallte in allen politischen Parteien auf. Helmut Kohl und seine schwarz-gelbe Regierung reagierten damals klug, sie nahmen sich dem Thema des Umweltschutzes an und damit den Grünen erst einmal den frischen Wind aus ihren Segeln. Doch schon 1985 wurde das Umweltthema Waldsterben vom neu entdeckten Ozonloch verschluckt und die Bedeutung des Umweltschutzes nahm seitdem stetig zu. Das große Waldsterben ist bis heute glücklicherweise noch nicht eingetreten.

 

Doch inzwischen schrillen wieder die Alarmglocken. Heute ist der Wald zwar nicht mehr vom sauren Regen bedroht, es ist der Klimawandel der weltweit den Wäldern gehörig zuzusetzen. Dabei könnten mehr existierende Wälder auf dieser Welt die Welt vor dem Klimawandel retten. Umwelt- und Klimaschutz muss heute global gehändelt werden.

 

Der Wald ist mehr als die Summe aller Bäume, er ist ein Biotop, ein Lebensraum für viele Tiere, Pflanzen, Pilze und auch den Menschen. Der Lebensraum Wald mit seiner Artenvielfalt wird von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern immer besser erkundet und verstanden. Die Sprache der Bäume, wie sie sich über Duftstoffe oder Wurzeln verständigen, entschlüsselt. Der Wert des Walds für den Menschen ist nicht nach Festmetern Holz kalkulierbar.  Auch wenn wirtschaftliche Interessen und Umweltschutz immer wieder kollidieren, hat sich die damalige Sorge um den deutschen Wald umweltpolitisch positiv ausgewirkt.  

 

Seit 350 Millionen Jahren existieren Bäume und Wälder auf unser Planet. Worin besteht nun der eigentliche Wert des Walds für den Menschen? Eins ist klar – ohne „Grüne Lunge“ würde uns bald die Luft ausgehen. Jemand, der durch einen Wald spazieren geht, fühlt sich im Allgemeinen dabei und auch nachher wohl. Waldluft tut gut! Warum aber? Diese wohltuende Wirkung des Walds auf den Menschen ist zwar spürbar aber erst in jüngster auch wissenschaftlich erklärbar. Bei einem Waldspaziergang werden wir einem Cocktail aus Mikroben und Pflanzenstoffen ausgesetzt. Auch wenn sich dieses, für mich zu mindestens, als etwas „igitt“ liest – dieser Cocktail stärkt messbar unsere Gesundheit. 

 

Hierzu einige wissenschaftliche Fakten. Nach einem Waldspaziergang,

  • schlägt das Herz deutlich ruhiger,
  • ist der Blutdruck niedriger,
  • gibt es weniger Stress-Hormone und
  • existieren mehr Killerzellen im Immunsystem. 

Menschen, die nah an Bäumen wohnen, bekommen seltener Diabetes und Herz-Kreislauf-Leiden. Aus Japan kommend ist der altmodisch gewordene Waldspaziergang, als Waldbaden umetikettiert  in Deutschland zu einem  neuen ganzheitlichen Gesundheitstrend geworden.  So bekommt der biedere, sonntägliche Familienspaziergang  in den Wald seine gesundheitspolitische Relevanz. Der  Erfolg von Sachbüchern wie,

  • Der Biophilia-Effekt - Heilung aus dem Wald von Clemens G. Arvay oder
  • Das Geheime Leben der Bäume von Peter Wohlleben

zeigen ein breites Interesse, etwas über die Natur zu erfahren. Erkunden wir dieses faszinierende Ökosystem Wald jedoch nur von seiner physischen Existenz, so bleibt seine spirituelle Bedeutung für uns ungeklärt.

 

Das spirituelle Biotop Wald

 

Nicht nur wir sehen und erfahren den Wald eingebettet in eine andere Realität und glauben, dass die Natur beseelt und der Wald ein heilsames spirituelles Biotop ist. Diese Erkenntnis oder dieser Glaube wurde von vielen Menschen und in vielen Zeitaltern geteilt. Miraculix, der Mistelzweige schneidende und Zaubertränke brauende Druide. erinnert uns an den heidnischen Glauben der Ahnen. Nicht nur für die Kelten, Germanen und Slawen waren Bäume Wohnstätten für Götter. In Heiligen Hainen huldigte und opferte man ihnen. Naturwesen wie Elfen und Feen waren im Wald beheimatet und galten damals nicht als Hirngespinste.

 

Der biblische Baum der Erkenntnis und die Weltenesche Yggdrasil sind zwei Beispiele für bedeutende Bäume im religiösen Kontext. Das Fällen der Donareiche durch Bonifacius im Jahr 723 ist nur ein Beispiel dafür, dass Baumverehrung manchen Menschen ein Dorn im Auge war. Das Fällen heiliger Bäumen galt als ein probates Mittel Heiden die Bekehrung schmackhaft zu machen. Die Naturverehrung im Schintoismus, lebendige schamanische Traditionen und isländische Feenbeauftragte zeigen, dass der Glaube an eine beseelte Welt weiterlebt. Wäre Irland ohne den Glauben an Elfen, Feen und Kobolde vollständig?

 

Einen Wald erkundet man am besten zu Fuß. Um den spirituellen Wald zu erkunden, müssen wir jedoch die Grenze zur Anderswelt überwinden und unsere Sinne müssen Übersinnliches ergreifen. "Die Waldpfade - die Lehre der Waldläufer" (2005-2007) hieß die erste Ausbildungsreihe zum Thema, die den Wald in den Mittelpunkt der eigenen spirituellen Arbeit stellte. Hierbei  entstand ein individueller Seelenraum Wald: ein Wald, der sich mit unsere Seele weiter entwickelt, dessen Bäume, Sträucher, Tiere, Hügel, Höhlen, Seen und Bäche topographische Aspekte der eigenen Seele darstellen. Ein Terrain, das man auf Seelenreisen erkunden und beurteilen lernte.  Hier begegneten wir hilfreichen Naturwesen und loteten die Möglichkeiten der Methode aus. Es wurde ruhig um den Wald und andere Themen und Lehrpfade wurden für meine Schüler und mich wichtiger. Einige Jahre später zog uns Merlins Zauberwald  in den Bann und ließ uns einigen Protagonisten der Artussage nahekommen. Zuletzt kam das Thema Wald 2018 wieder auf uns zu. Wir blickten auf die Wälder der Erde  und erfuhren den Wald als ein mystischen Ort. Um Wälder wie

  • den Teutoburger Wald, der einst drei römische Legionen samt Hilfstruppen und Tross verschlang,
  • den Wald von Brocêliande, wo Nimue (Viviane) Merlin in eine Weißdornhecke bannte,
  • den Sherwood Forest, wo einst Robin Hood und seinen fröhlichen Gefährten Schutz fanden,
  • das Waldgebiet, in dem 1908 der Tunguska-Asteroid  einschlug und auf 2000 km² geschätzte 60 Millionen Bäume entwurzelte, oder
  • die Wälder um Tschernobyl, wo die Natur dem einstigen radioaktiven Niederschlag trotzt,

ranken sich Mythen und wahre Geschehen. Doch hat nicht jeder normale Wald auch etwas mystisches zu bieten? 

 

 

Wie alles begann

 

"Hier am Rande des Waldes beginnt sie, die andere Welt. Nicht fernab von unserer Welt, sondern mitten unter uns unsere Realität überlappend. Eine Welt, die die Uneingeweihten für märchenhaft halten, als ein reines Produkt der Phantasie. Für die, die schon ahnen und glauben aber noch nicht wissen, eine Welt magisch anmutender Wesen, denen sie begegnen möchten. Und für die Eingeweihten eine Welt so real wie die unsere - nur eben anders. Hier begegnen wir den Feen, den Elfen und den vielen anderen geistigen Wesen mit einem eigenen Charakter, so wie wir und doch klar von uns Menschen unterscheidbar - mit eigenen Schwächen und Stärken. Wesen, die oft einen zwielichtigen Ruf besitzen, verstärkt seit der Christianisierung sogar dämonische Züge aufweisen sollen. Wesen die viele Schriftsteller inspiriert haben über sie zu schreiben, sie zu heldenhaften Zwergen, zu Jungfrauen mordenden Drachen oder zu guten oder bösen Feen werden ließen. Hier in diesem Wald sind sie zu Hause. Nur ein Schritt von unserer Realität entfernt überbrücken sie dabei Raum und Zeit, um uns zu treffen. Hier in der Anderswelt ticken die Uhren anders. Und dem keltischen Glauben nach gehen wir auch wieder dorthin zurück. Ich nehme Sie mit auf eine Seelenreise in diese andere Welt. Auf dieser Ebene der Seelen begegnen wir jenen geistigen Wesen, die uns lehren wieder zu glauben. Wesen, von denen wir lernen können - und die von uns lernen wollen. Wenn Sie sich den keltischen Lehrpfaden und seinen Geheimnissen öffnen, begeben Sie sich auf eine wunderbare Reise."

 

(zitiert aus einer Ankündigung zu meiner Seminarreihe Waldpfade © 2005)