Gott* oder Gott+?

Vor Tagen bin ich auf einen Artikel im Internet gestoßen. Unter einem kleingedruckten Gott* oder Gott+ stand die eigentliche Titelzeile: Junge Katholiken erwägen Gott mit Gendersternchen.

 

Mein Interesse an diesem Thema war sofort geweckt. Ich zitiere drei (Ab-)Sätze aus diesem Artikel: 

  • Wird Gott automatisch als alter weißer Mann mit Bart gedacht? Die Katholische junge Gemeinde (KjG) glaubt ja und will das ändern. 
  • Ein katholischer Verband will Gott künftig möglicherweise mit Gendersternchen schreiben.
  • „Die Leitfrage ist: Was können wir tun, um das an vielen Stellen sehr männlich geprägte Gottesbild in die Vielfalt zurückzubringen, die es verdient?“

(Internet-Quelle: Der Tagespiegel (28.10.2021))

 

Was für mich wie ein verspäteter Aprilscherz herkommt, ist den Initiatoren scheinbar bitterer Ernst. Also stelle ich mir selbst die Frage. 

  

Sollte man Gott gendern?

Schon die Frage, ob man überhaupt gendern sollte, spaltet seit längerer Zeit unsere Bevölkerung in nahezu unversöhnliche Lager. Die Verhunzung der Sprache und eine aufkommende Sprachdiktatur befürchten die Einen, wogegen die Anderen von aufkommender Gendergerechtigkeit schwärmen und diese vehement einfordern. 

 

Ich bin kein Freund des Genderns. Ich verwende gegendertes eher selten in meinen Texten und in meinen Sprachgebrauch findet es bislang keinen Platz. Zu viel gegendertes in Texten hemmt meinen Lesefluss und erschwert mir das Leseverständnis. Eine Erfahrung, die ich sicherlich mit vielen Leser:innen teile.

 

Ich bevorzuge die Schreibweise mit Doppelpunkten, den über diese, kann ich schnell hinweglesen. Ein Nachteil des schnellen Überlesens, von der Leser:innen bleiben mir nur die Leserinnen erhalten, die männlichen Leser fallen unter den Tisch. Eine für mich akzeptabler Informationsverlust zugunsten der Lesbarkeit des Textes.

 

Dem Gendern und die aktuelle Veränderung der Schreib- und Sprechgewohnheiten kann man eigentlich nur satirisch entgegentreten. Doch das ist nicht mein Metier und so wende mich dem eigentlichen Thema zu.

 

Gott soll gegendert werden, um ein ehernes Ziel zu realisieren. In den Augen dieser jungen Katholiken, soll das an vielen Stellen sehr männlich geprägte Gottesbild  in eine Vielfalt zurückgebracht werden, die es verdient. Diesen Gedanken finde ich amüsant.

 

Die Menschheit hat in ihrer Entwicklung viele unterschiedliche religiöse Vorstellungen entwickelt. Den monotheistischen standen und stehen eine Vielzahl  polytheistischer Religionen gegenüber. Nicht nur die Myriaden Gottheiten des Schintoismus weisen darauf hin, dass das Göttliche weltweit sehr unterschiedlich wahrgenommen wird. 

 

Die christliche Glaubensgemeinschaft hat sich in den vielen Jahrhunderten nicht grade durch ein Verlangen nach religiöser Diversität und Toleranz gezeigt. Frei nach dem Motto, "du sollst keine anderen Götter, neben mir haben", wurde den heidnischen Göttinnen und Götter der Kampf angesagt. Ein zwanghaftes Missionieren, eine Unterwerfung der Andersgläubigen wurde Jahrhunderte lang erfolgreich praktiziert. Aber auch innerhalb der Christenheit kam es zu ernsthaften Zerwürfnissen, Spaltungen. Bis heute übriggeblieben sind Ressentiments und wohlgemeinte Ratschläge, wie:, "halte dich fern von Katholiken, Rothaarigen und Buckligen". 

 

Blicken wir zur Decke der Sixtinischen Kapelle, entdecken wie Michelangelos die Erschaffung Adams umsetzte. Gott, weißbärtig und männlich von Puten umgeben. Dieses Bild gibt nur das wieder, was christliche Gläubige seit Jahrhunderten glaubten und immer noch glauben. Der biblische Gott ist männlich!

 

Angesicht des herrschenden Zeitgeistes, der zuerst die Diversität betont, um im gleichem Atemzug persönliche Vorrechte und erst danach die Gleichheit aller einfordert, erscheint es den jungen Katholiken notwendig, auch das christliche Gottesbild zu upgraden. 

 

Altes und Neues Testament sprühen bekanntlich nicht von feministischen Passagen, sodass man sich nicht wundern muss, dass das kirchliche Rollenbild der Frauen, so altbacken patriarchalisch daherkommt. Das Beten des  "Vaterunser" oder des  "Gegrüßet seist du, Maria" lenkt die Aufmerksamkeit auf den alten Mann, der nun einer verdienten Vielfalt weichen soll. 

 

Irgendwie erinnert mich diese Zeit an die 70er, der Jesus People-Bewegung, dem Musical Jesus Christ Superstar, der ersten Ölkrisen und den Feminismus-Debatten im Fernsehehen. 

 

Die Stellung des Menschen, in all seiner fast zugestandenen Diversität, wird nicht nur in der katholischen Kirche, sondern in der gesamten Gesellschaft neu definiert. Maria 2.0 oder Gott+ (/Gott*) sind Ausdruck solcher Veränderungswünsche in der katholischen Kirche. 

 

Vielleicht kann man, der Absicht der jungen Katholiken zustimmen. Nur das Mittel, zu dem diese greifen, halte ich, für fragwürdig. Gott ist weder eine Berufsbeschreibung, noch ein Name für Gott selbst. Immer dann, wenn Menschen sich Bilder von ihren Göttern machen, unterläuft ihnen der Fehler der Vermenschlichung.

 

Gott+ trägt noch den Witz besser als Gott zu sein in sich. Doch es geht nicht darum, Gott neu zu definieren, sondern sich nicht auf die Kosten anderer weiterzuentwickeln. Wir alle sollten also nicht Gott gendern, sondern uns lieber selbst positiv verändern.