Schwarzfahrer

"Die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) hat das Wort „Schwarzfahren“ von ihren Plakaten verbannt."

So ein Schmarrn denke ich beim Lesen und vermute sofort das Schlimmste. Schließlich ist die Welt dabei immer kleinkarierter und komplizierter zu werden. Reichte es noch vor Jahren aus, bei seiner  allabendlichen Gewissenserforschung die 10 alttestamentarischen Gebote zu reflektieren, sinniert man heute zusätzlich über seinen ökologischen Fußabdruck und die geleisteten sprachlichen Verfehlungen des Tages.

 

Meine erste Vermutung, das das angesagte Gendern dem Plakat dem Garaus gemacht. Sicherlich fühlten sich  einige weiblichen Schwarzfahrer diskriminiert, weil sie nicht als Schwarzfahrerin tituliert wurden. "Mann", gesteht den Frauen einfach keine kriminelle Energie zu. Doch dann las ich weiter im Text.

 

"Statt „Schwarzfahren kostet 60 Euro“ steht nun “Ehrlich fährt am längsten.” Die Begründung: Es handle sich um eine “Maßnahme für eine zeitgemäßere Sprache”, wie die MVG gegenüber der deutschen Boulevardzeitung „Bild“ sagt. Auch in Berlin vermeiden die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) das Wort. In der internen und externen Kommunikation werde dies nicht mehr verwendet." (zitiert von zackzack.at)

 

Wieder keimte in mir eine neue Vermutung auf. Ging es hier den Apologeten einer zeitgemäßen Sprache um das Wort Schwarz und seine Bedeutungsvielfalt. Wollte man vermeiden das man den Begriff schwarzfahren als rassistischste Anspielung sehen können? Mein Verdacht, dass es um Rassismus geht wurde durch einen anderen Artikel bestätigt. Ich zitiere hierbei von der RTL-Homepage:

 

"Kein "Schwarzfahren" mehr in Hannover und Umgebung: Ist der Begriff "Schwarzfahren" rassistisch? Die hannoverschen Verkehrsbetriebe Üstra wollen jedenfalls künftig auf das Wort verzichten. Wer ohne Ticket Bus oder Bahn fährt, soll stattdessen als "Person ohne gültigen Fahrschein" bezeichnet werden."

 

Und weiter unten im Text der RTL-Seite erfahren wir: 

 

"Die Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland (ISD) befürwortete den Verzicht laut der HAZ. "Es ist begrüßenswert, denn der Begriff hat für schwarze Menschen einen negativen Anklang", sagte ISD-Sprecher Tahir Della der Zeitung. Auch wenn der Begriff nicht rassistisch angelegt sei, habe es trotzdem die Wirkung bei Betroffenen, dass Schwarz für etwas Negatives stehe. (dpa/lzi)"

 

Sind die Münchener, Berliner und Hannover Verkehrsbetriebe sensibilisierte Vorreiter im Umgang für Sprache und Rassismus? Woher stammt eigentlich der Begriff Schwarzfahrer?

 

 "Über die Herkunft des Begriffes „Schwarzfahren“ herrscht Unklarheit. Der Sprachwissenschaftler Eric Fuß meint gegenüber der Münchner Abendzeitung, dass der Ausdruck von dem jiddischen Wort „shvarts“ (Armut) komme und demnach Menschen bezeichnete, die zu arm waren, um sich ein Ticket zu kaufen."  (zitiert von zackzack.at)

 

Der Begriff verweist also nicht auf die Hautfarbe eines Menschen, sondern seine finanzielle Not. Nun Ja, nicht jeder Arme kommt sicherlich auf die Idee schwarzzufahren. In den 90ern war ich Zeuge, wie ein Kontrolleur in der Münchener U-Bahn einen Schwarzfahrer weißer Hautfarbe zu Kasse bitten wollte. Dieser zog daraufhin ein Bündel, gerollter 100 DM Scheine aus seiner Hosentasche, zückte einen davon und gab den Kontrolleur den Hunderten mit den gelangweilten Worten und süffisanten Gesichtsausdruck, "der Rest ist für Sie."

 

Die ISD meint zwar das der Begriff schwarzfahren nicht rassistisch angelegt sei, begrüßt aber seinen Verzicht, damit Schwarz nicht für etwas Negatives steht. Warum eigentlich? Viele Menschen verbinden mit schwarz etwas Positives. 

 

Ich frage mich, wie stehen die  Befürworter einer zeitgemäßen Sprache dann zum Begriff der "Schwarzen Witwe", die sowohl eine Spinne wie eine Mörderin bezeichnet? Ist der schwarze Tod im Mittelalter noch so zu benennen, dürfen Frauen noch das "kleine Schwarze" tragen, darf man sich noch schwarz ärgern? Was wäre die Punkszene ohne Schwarz gewesen?

 

Rassistisches Denken aus den Köpfen der Menschen zu verbannen, in den man den Sprachgebrauch beeinflusst, halte ich für kontraproduktiv. England Elfmeter-Fehl-Schützen mussten unlängst erfahren, wie schnell Rassismus sich offenbaren kann. Den Begriff des Schwarzfahrens aus dem Jargon der Verkehrsbetriebe zu tilgen, schützt nicht vor tatsächlichen rassistischen verbalen und körperlichen Angriffen in Bus, Bahnen und Haltestellen. Hier wären mehr Ordner / Aufsichtspersonal, das beherzt eingreifen kann, sehr hilfreich. 

 

Ich finde der ISD hätte anders auf diese Maßnahme der Verkehrsbetriebe reagieren sollen. Zwar steht es mir nicht zu Befindlichkeiten anderer zu beurteilen. Ich stecke nicht in ihrer Haut und fühle nicht das, was sie fühlen. Doch ich hätte mir eine souveränere Reaktion erwünscht. Ich erinnere an die Afroamerikanerin Rosa Parks,  die vielleicht bekannteste (man verzeihe mir diesen Scherz) Schwarzfahrerin  der Geschichte, die am  1. Dezember 1955 in Montgomery im US-Bundesstaat Alabama festgenommen wurde, weil sie sich geweigert hatte, ihren Sitzplatz im Bus für einen weißen Fahrgast zu räumen und damit den Busboykott von Montgomery auslöste und die schwarze Bürgerrechtsbewegung Fahrt aufnehmen ließ. Muss der Begriff schwarzfahren wirklich einen negativen Anklang für BPoC (Black and People of Colour) besitzen? 

 

Ich glaube nicht. Wie man gut mit diesem Begriff umgehen kann, zeigt meiner Meinung nach ein Kurzfilm aus dem Jahre 1992.

 

meine Empfehlung zum Anschauen

Schwarzfahrer ist ein Oscarprämierter äußerst witziger Kurzfilm des deutschen Regisseurs Pepe Danquart aus dem Jahr 1992, den man sich auf YouTube ansehen kann und auch sollte. 

 

Vorsicht Spoiler! Ich zitiere aus Wikipedia:

 

"Die verfilmte Urban Legend nimmt sich des Problems der alltäglichen Fremdenfeindlichkeit bzw. des alltäglichen Rassismus an. Der Filmtitel ist ein Wortspiel um den Begriff Schwarzfahrer. In Schwarz-Weiß-Bildern erzählt er die Geschichte eines jungen Schwarzen, der in einer Berliner Straßenbahn von einer älteren Frau wegen seiner Hautfarbe beschimpft wird. Sie wirft ihm und allen Dunkelhäutigen unter anderem vor, übel zu riechen, AIDS zu verbreiten und das Sozialsystem auszunutzen. Die anderen Fahrgäste verfolgen das Geschehen weitgehend stumm und mischen sich nicht ein.

 

Als ein Kontrolleur zusteigt, um die Fahrkarten zu überprüfen, und die ältere Frau ihre Karte zückt, nimmt der junge Mann ihr den Fahrschein weg und isst ihn auf. Bei der Kontrolle verteidigt sich die Frau beim Schaffner mit den Worten „Der Neger hier hat ihn eben aufgefressen!“, während der Schwarze sie ironisch anblickt und eine Dauerfahrkarte vorzeigen kann. Der Schaffner hält dies für eine unglaubwürdige Ausrede und fordert die Frau auf auszusteigen. Die anderen Passagiere bemühen sich nicht, die Frau zu unterstützen. Gleichzeitig hält sich in der Bahn ein tatsächlicher Schwarzfahrer auf, ein junger Weißer, der durch die Ablenkung unbehelligt bleibt."