Kritik des rückbezüglichen Denkens

Viele Psychotherapien orientieren sich an dem Material, dass uns das Unbewusste vorgibt, und der wahrnehmbaren Diskrepanz zum Bewussten. Die therapeutische Intervention beabsichtigt die Aufhebung, Versöhnung oder Akzeptanz dieser Diskrepanz, um zu genesen. Dazu muss uns:

 

Das Unbewusste bewusst werden

 

Das Unbewusste zeigt sich uns in unseren selbst gemalten Zeichnungen und Bildern, den Bildern, die wir mögen oder ablehnen, in der Musik die wir hören. Unsere ganze Lebensgestaltung spricht Bände über unsere Zuneigung und Abneigungen, unseren Interessen und das, was uns gleichgültig ist. Hier zeigt sich uns unsere Seele, von der viele glauben, dass man sie behandeln kann oder muss. All diese therapeutischen Verfahren machen Unbewusstes bewusst und erschaffen dadurch ein neues Bewusstsein. Wir erlangen eine neue Bewusstheit über uns als Person. Die therapeutische Ausrichtung und der Erfolg des Verfahrens hängen sehr stark von der persönlichen Reife und den Absichten des Therapeuten ab. Seine Blickrichtung von dem, was ein Gesunder leisten muss und was eigentlich gesund ist, geht in diesen Prozess ein. Diese psychologische Arbeit orientiert sich häufig an einem geistigen und nicht an einem seelischen Konzept der Gesundheit.

 

Viele Therapieverfahren leiden meiner Erfahrung nach an einer übertriebene Betonung des Ursächlichen und dem uneingeschränkten Glauben an das Korrektiv des Geistigen, das nicht dem Seelischen entspricht.  

 

Die Ursache der Ursache erkennen 

 

Für viele Menschen ist folgende Behauptung, „dass das Erkennen der Ursache wichtig für eine erfolgreiche Therapie ist“ zum Verhängnis geworden. Sie haben sich daran gewöhnt, rückbezüglich zu denken und zu handeln. Frei nach der Devise „wenn ich jetzt weiß, warum es mir schlecht geht, dann bin ich in der Lage, mich wieder gut zu fühlen“ erforschen sie mit ihrem Geist ihre Vergangenheit, lassen alte Gefühle neu auferstehen, versuchen diese Energien der Vergangenheit zu korrigieren und glauben, damit einen entscheidende Schritt in Richtung Gesundheit gemacht zu haben. 

 

Doch was passiert, wenn der Geist des Klienten anfängt, diesen therapeutischen Rahmen plötzlich für sein ganzes Leben zu übernehmen? Die Ursachenforschung erzeugt auf einmal Phänomene, die eine weitere Ursachenforschung nach sich ziehen muss. Unser (Er-)Leben wird rückbezüglich restrukturiert. Die Frage nach dem „warum hab ich das“ („warum fühle ich das“) kann ich nun nahezu beliebig weit zurückführen. Das Aufarbeiten rückbezüglicher Erfahrungen macht zwar einen (begrenzten) therapeutische Sinn, doch der Geist mancher Klienten fängt an, immer mehr in der Vergangenheit zu forschen. Er übernimmt so das geistige (Erlösungs-)Konzept der Therapie und führt es gnadenlos, exzessiv durch. Persönliche und spirituelle Entwicklung und Glück wird dann gleichgesetzt mit der Aufarbeitung des Vergangenen, einer Aufarbeitung, die logischer Weise niemals (vollständig) geschehen kann. Der Klient wird süchtig, abhängig von der ewigen Stimulans der Gehirnzellen des Erinnerns. Die Probleme, die ihm nun begegnen, hätte er nie gehabt, wenn er nicht gelernt hätte, diese auf eine bestimmte Art Probleme lösen zu wollen, um seinen schlechten Gefühlen den Boden zu entziehen.

 

Ein Kreislauf beginnt, der sein Leben bestimmen wird. Er korrigiert im Geiste eine Vergangenheit, die er bald daraufhin immer wieder neu korrigieren muss. Seine Seele verhungert dabei. Und diese gefühlte Leere muss wieder natürlich geistig korrigiert werden. Therapie wird so zum alleinigen Lebenszweck. Dabei will das Leben gelebt und nicht therapiert werden.